Die soziale Wand @QSNA2020
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Soziale Wand im Pflegeheim: Raus aus der Isolation

Absolute Besuchsverbote ganz plötzlich von heute auf morgen und kein Ende in Sicht. Das prägte den Lockdown um die erste Corona-Welle im Frühjahr 2020, als Pflegeklient*innen in den Krankenhäusern und Langzeiteinrichtungen vom direkten Außenkontakt zu ihren Angehörigen abgeschnitten wurden. Die Bewohnenden waren fast komplett isoliert. Sie konnten nicht ihre Angehörigen empfangen und auch zu einem großen Teil nicht mehr ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen. Der Außenkontakt beschränkte sich auf das Telefon, wenig später wurde ein Tablett organisiert, um über Skype und ähnliche Apps zu kommunizieren.

Ich stellte mir die Frage: Soll das jetzt schon alles sein? Zumal zu dem Zeitpunkt – und leider auch noch heute – kein definitives Ende der Pandemie in Sicht ist.

Das Konzept der sozialen Wand basiert auf Videocalls, erweitert aber den Gedanken:

  • Warum nur ein kleines Display, das für Menschen mit Beeinträchtigungen (z.B. einer Demenz) nicht immer geeignet ist?
  • Kann man nicht auch weitere soziale Beschränkungen mit der Technik beseitigen?
  • Wie wäre es, das Medium biografieorientiert zu verwenden?
  • Wie schaffen wir es, spirituelle und religiöse Rituale unter Pandemie-Bedingungen ins Heim zu holen?
  • Letztlich: Wie holen wir ein Stück weit die unterbrochene Inklusion zurück?

Mit der sozialen Wand projizieren wir das Medium auf eine große weiße Wand. Diese kann sich – je nach Anlass – in einem Bewohnerzimmer, aber auch im Gemeinschaftsbereich befinden. Der Skype-Call des Enkels erscheint auf einer großen Wand und nicht auf einem winzigen Display. Ich bin mir sicher, manche Senioren werden das Erlebnis in diesen Zeiten mit leuchtenden Augen quittieren!

Bringen wir Kultur und Sport in die Einrichtung zurück. Der beliebte Sänger mit seiner Gitarre, der bis kurz vor der Pandemie jede Woche mit den Bewohnenden musizierte, erscheint auf der sozialen Wand.

Bewegung ist Leben! Die Trainerin der Senioren-Gymnastik-Gruppe führt ihr Angebot über die soziale Wand durch.

Für viele Pflegebedürftige ist ihre Religion ein wichtiges Thema. Wie wäre es, wenn der Pastor der örtlichen Kirchengemeinde einen seniorengerechten Gottesdienst streamt und nicht immer nur der ZDF-Gottesdienst im Fernsehen eingeschaltet werden muss?

Mit der sozialen Wand bereichern wir das Leben für Menschen mit Demenz. Ein Beispiel? Wir stellen uns Herrn Meier vor. Herr Meier ist ein 91-jähriger Fischkutter-Kapitän aus Ostfriesland. Er sieht auf der sozialen Wand eine auf seine Biografie bezogene Zusammenfassung: der schöne Hafen von Greetsiel, die Insel Baltrum, die Nordsee, Fische. Im Hintergrund hört er das Geräusch der Möwen und vielleicht noch eine plattdeutsche Moderation. Während er das bunte Treiben auf der Wand genießt und in Langzeiterinnerungen schwelgt, trinkt er seinen Tee mit Kluntjes.

An den Bedürfnissen orientieren

Die bekannte Bedürfnispyramide von Abraham Maslow stellt unter anderem die sozialen Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Menschen mit Pflegebedürftigkeit haben dieselben Wünsche und Sorgen wie alle anderen Menschen auch. Viele Bedürfnisse bleiben bereits in gewöhnlichen Zeiten auf der Strecke, in Zeiten der Pandemie oder Epidemie (wir denken hier auch an die alljährliche Norovirus-Situation) nehmen die Defizite zu. Eine soziale Isolation, die zu Deprivationen bis hin zu Depressionen führen kann, prägt den Alltag. Eine soziale Wand, die ich – nebenbei bemerkt – gerne in jeder Pflegeeinrichtung sehen würde, verschafft den Bewohnern eine neue Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Wir stärken die Beziehungsgestaltung und schaffen sozialen Austausch. Über die soziale Wand wird agiert und reagiert (keine Oneway-Kommunikation), die Bewohnenden sind also Empfänger und Sender zugleich. Wir bauen soziale Distanzen in der Pandemie, aber auch in gewöhnlichen Zeiten ab. Der in Berlin studierende Enkel findet auch im Alltag den Zugang zu seiner im Hamburger Seniorenheim lebenden Oma.

Die Idee mit einfachen Mitteln umsetzen

Hinter der sozialen Wand steht eine klare Vision, die zügig umsetzbar ist, auch noch in der jetzigen Pandemie. Wir bleiben hier nicht bei einer schönen Fiktion, die in die Ablage wandert.

Die technischen Zutaten sind einfach: ein Beamer, ein Laptop, Handy oder Tablett, eine weiße Wand (ggf. eine mobile), evtl. noch eine verbesserte Akustik-/Mikrofon-Unterstützung. Viele Einrichtungen verfügen über diese Geräte und könnten sofort loslegen. Die Investitionskosten sind gering.

Engagement, Motivation und Leidenschaft sind die Zutaten, die alle Beteiligten mitbringen müssen. Der Pastor, die Gymnastik-Trainerin, die Angehörigen, die Mitarbeitenden aus Betreuung und Pflege und selbstverständlich auch die Bewohnenden. Pflegeeinrichtungen haben die Chance, mit überschaubarem Aufwand auf der materiellen Ebene die soziale Wand als Leuchtturmprojekt zu initiieren und zu zeigen, dass sie funktioniert. Wenn vielleicht schon der heutige Tag [Anm.: gemeint war der Finaltag am 10. Dezember 2020] hier einen Startpunkt markiert, ist das ein wertvoller Tag.

Unser Ziel: gestärkt aus der Krise herausgehen!

Die soziale Wand hat auch nach der Krise eine Funktion, darf aber keinesfalls „echte“ Kontakte ersetzen. Neben der sozialen Nähe ist auch die physische Nähe immens wichtig, gerade auch für Pflegebedürftige. Die soziale Wand darf kein reines Bequemlichkeitsvehikel werden, das den physischen Besuch und echte Berührungen nach der Pandemie ersetzt.

Doch seien wir ehrlich, nicht nur in Krisenzeiten, auch in gewöhnlichen Zeiten leben Pflegebedürftige von der Gesellschaft zu einem Teil isoliert, manchmal auch weit weg von ihren Angehörigen.

Lasst uns in der Krise gemeinsam stark werden, nehmen wir wichtige Erfahrungen aus der Krise mit in die Zeit danach! Da wo physische Distanz auch in Zukunft gegeben ist, kann die soziale Wand Menschen verbinden. In einer Einrichtung wie dem Gut Sannum, also in meiner Einrichtung, können wir unser großes Ziel, nämlich die Inklusion, auf einer weiteren Ebene dauerhaft verwirklichen. In der geschützten Gerontopsychiatrie sprengen wie die verriegelte Tür oder den Zaun und lassen für Menschen mit Demenz Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu. Wohlgemerkt, ohne sie zu gefährden.

„Das Vermitteln von Zuversicht und Lebensmut über die praktische pflegerische Tätigkeit hinaus“ ist ein schöner Satz aus dem alten Krankenpflegegesetz. Er beschreibt eine der Aufgaben einer examinierten Pflegekraft. Erfüllen wir diesen Satz mit Leben!

 

Anmerkung: Mit diesem Konzept habe ich mich am 10. Dezember für das Finale des Queen Silvia Nursing Award 2020 qualifiziert.

In Kategorie: Erneuerung

Über den Autor

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Erneuerungsbedarf in der professionellen Pflege sieht man tagtäglich. Da man im Alltag maximal bestrebt ist, so erfolgreich wie möglich durch den Tag zu kommen, ist für erweiterte Gedanken oft kein Platz vorhanden. New Nursing ist unser Versuch, Raum für Reflexion und Kreativität zu schaffen. Als angehende Psychiatriefachkraft (Grundausbildung: exam. Altenpfleger), arbeite ich in der Nähe von Oldenburg in einer Langzeiteinrichtung für Menschen mit psychiatrischen und körperlichen Beeinträchtigungen. Sonstige absolvierte Weiterbildungen: Palliative Care, Praxisanleitung, Psychiatrische häusliche Krankenpflege (pHKP)

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